Zu unserem Namen

Arbeiter an der Stechuhr

Das Linke Zentrum sollte einen Namen bekommen der an eine Antifaschistin erinnert, die in Schwenningen gelebt hatte und zeitlebens zu ihrer Überzeugung stand: nur in einer Welt, die nicht auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht, kann Solidarität, Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit gelingen. Wir wollen an eine kommunistische Antifaschistin erinnern die, ohne großes Aufheben, geradlinig für Menschlichkeit und Standhaftigkeit stand. Ohne Menschen wie sie wäre der Widerstand und das Überleben der Exponierteren nicht möglich gewesen.

Mit der Namensgebung soll auch gezeigt werden, dass das Linke Zentrum ein Ort der Kontinuität der Arbeiterbewegung seien soll. Zu dieser Kontinuität gehört die Auseinandersetzung mit der Geschichte der kommunistischen Arbeiterbewegung, die Würdigung des Kampfes gegen Militarismus und Faschismus, dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit den folgenreichen Fehlern der Arbeiterbewegung, die die Niederlage gegen die faschistische Herrschaftsform des Kapitals beförderten.

Schwenningen war und ist eine Arbeiterstadt. So waren um die Zeit um 1930 mehr als zwei Drittel der Beschäftigten ArbeiterInnen, es war eine“ rote Hochburg“. Die arbeitenden Menschen fanden sich über die Arbeiterparteien KPD und SPD verbunden in Arbeitersport- und Kulturvereinen, den Naturfreunden, Selbsthilfe- und Selbstschutzorganisationen. Hier einzudringen war den Nazis kaum möglich, denn menschenverachtende und nationalistische Parolen fanden wenig Resonanz in einem System, das auf den Prinzipien der Solidarität und der Gleichheit der Menschen gegründet war. Noch 1930 kam die NSDAP in Schwenningen nicht über 6,6 % hinaus. Vor allem 1932 kam es zu Zusammenstößen mit den Nazisturmtrupps der SA und der SS. ArbeiterInnen wollten nicht kampflos zuschauen, wie ihre Stadt, Gesellschaft und Heimat zu einem Opfer von Macht- und Rassenwahn, Gewalt und niedersten Instinkten wurde.

Berthold Furtwängler (1931-1933 KPD Stadtratsfraktion), Paula Acker KPD Mitglied, Mathilde Müller (ab 1931 KPD-Fraktion)

Viele Antifaschistische Menschen aus der Schwenninger Arbeiterbewegung sind für uns als NamensgeberInnen in frage gekommen. Nennen möchten wir hier stellvertretend für viele Erich Hohner, Paula Acker, Jakob Sulan und Josef Schmid. Zuletzt einigten wir uns auf den Namen Mathilde Müller.

Mathilde lebte von 1891 bis 1980. Geboren wurde sie im Elsass. ein Jahr später zog die Familie nach Schwenningen, der Vater war Maschinist und Sozialdemokrat, die Mutter verdiente als Heimarbeiterin dazu. Mathilde war das älteste von 8 Geschwistern, nach Abschluß der Volksschule musste sie auf eine Lehre verzichten und als Hilfsarbeiterin zum Unterhalt der Familie beitragen.

Krieg und Hunger waren prägende Erfahrungen und bildeten die Grundlage für ihr politisches Bewußtsein und Handeln: 1919 trat sie in die SPD ein, 1929 wechselte sie zur USPD und in der Folge zur KPD. Die Genossinnen und Genossen waren vor allem arbeitende Menschen und keine Nur-Funktionäre, die KPD war für sie die konsequentere Arbeiterpartei. Immer wieder wurde Mathilde arbeitslos, bei Mauthe war sie Anfang der 20er Jahre Betriebsrätin. Gegen Ende der Weimarer Republik war sie eine „bekannte Gegnerin des Nationalsozialismus“ (zitiert nach Landesamt für Wiedergutmachung) und war ab 1931 die einzige Frau im Schwenninger Gemeinderat und Mitglied der vierköpfigen KPD Fraktion.

Bei der Stadtratsitzung am 14. März 1933 protestierte sie gegen die Verhaftungen von Antifaschisten im Namen ihrer Fraktion. Zuerst hatte der Oberbürgermeister Gönnenwein eine feierliche Begrüßungsrede für das „Dritte Reich“ gehalten. Zitiert aus der Neckarquelle vom 15.03.1933: „Die kommunistische Stadträtin Mathilde Müller legte hierauf namens ihrer Fraktion und zugleich im Namen der arbeitenden Bevölkerung Schwenningens Protest ein gegen die kürzlich vorgenommene Festnahme der kommunistischen Stadträte Furtwängler und Jetter sowie auch die Inhaftnahme der übrigen kommunistischen Funktionäre. Wenn, so erklärt Frl. Müller weiter, wenn die Regierung Hitler-Hugenberg so weiterfahre, werde sie eines Tages erleben, dass das arbeitende Volk für deren Absetzung sorgen werde. Der Vorsitzende (OB) unterbricht hierauf die Rednerin und erklärt, dass er hier im Gemeinderatssaal Drohungen gegen die neue Regierung nicht dulden werde.

Einen halben Monat später wurde sie dann auch verhaftet und in das Frauenlager Gotteszell in Schwäbisch Gmünd verbracht. Dort ist sie bis Weihnachten 1933 in Haft. Danach erhält sie ihren Arbeitsplatz bei Mauthe nicht wieder, ab Oktober 1934 findet sie Arbeit in der Uhrenfabrik Schuler. Im Zuge der Verhaftungen nach dem 20. Juli 1944 wird sie erneut festgenommen (20.08.-12.10.44). Nach der Zerschlagung des Faschismus arbeitet sie wieder am Aufbau der KPD mit, sie bleibt ihrer Überzeugung für ein sozialistisches Deutschland einzutreten treu und lebt in Schwenningen bis zu ihrem Tod 1980.